Corona hat den Breitensport in Kaarst lahmgelegt

Der Vorsitzende des Stadtsportverbandes Kaarst spricht über Sportstätten, Wahrnehmung der Vereine und die Corona-Krise, die viele Sportvereine vor existenzielle Probleme stellt.

NGZ: Herr Volker, gibt es in Kaarst zu wenig Hallenkapazitäten, um allen Vereinen gerecht zu werden?
Axel Volker: Die Hallenkapazität ist das große Problem in Kaarst. Auf unser Bestreben hin ist die Sportentwicklungsstudie von einem externen Sachverständigen angefertigt worden, in der alle Sportstätten analysiert worden sind. Das Ergebnis: Outdoor-mäßig haben wir zwei Plätze zu viel, aber Indoor-Flächen deutlich zu wenig. Das, was wir momentan aufweisen plus die neuen Kapazitäten, die wir durch die Dreifachturnhalle in der neuen Gesamtschule Büttgen bekommen, dürfte dann genug sein. Aber im Moment besitzen wir zu wenig Hallen, vor allem zu wenig Wettkampfflächen.

NGZ: Werden weitere Hallen benötigt?
Volker Der Bedarf ist in der Sportentwicklungsstudie ausführlich dargelegt. Die Gesamtschule in Büttgen wird eine Dreifachturnhalle bekommen, die Grundschule an der Stakerseite mit dem Neubau zwei Einfach-Turnhallen. Diese beiden werden die alte Halle an der Stakerseite und die Halle an der Bussardstraße ersetzen.

NGZ: Wird die Halle an der Bussardstraße abgerissen?
Volker Diese Sportstätte ist seit Jahren eine Problemhalle. Sie bietet zwar die Möglichkeit, noch Sport zu treiben, aber da wird sicherlich nicht mehr viel Geld investiert. Wenn die beiden Hallen an der Stakerseite stehen und genutzt werden, ist davon auszugehen, dass die Halle an der Bussardstraße abgängig ist.

NGZ: Wie viele Vereine wird es nach der Corona-Krise noch geben?
Volker Die Corona-Krise hat den Breitensport lahmgelegt, viele Vereine sind in eine prekäre finanzielle Lage geraten. Es gibt aber derzeit zwei Rettungsschirme: Den großen des Bundes und den Hilfsfond des Landes NRW mit über zehn Millionen Euro. Die gesellschaftliche Bedeutung der Vereine ist nicht zu unterschätzen. In Kaarst gibt es 12.500 Mitglieder und knapp 5000 Jugendliche. Die Vereine leisten eine enorme Sozialarbeit, und die entfällt jetzt. Es wäre zu hoffen, dass die Krise langsam abebbt und die Möglichkeit, Sport zu treiben, wieder eingeräumt wird. Denn der Sport ist auch ein Ventil und hat einen Erziehungscharakter. Wir werden aber nicht von Null auf Einhundert fahren können.

NGZ: Was rät der SSV den Vereinen in der Krise?
Volker Die Vereine sind unruhig und wissen teilweise nicht, wie es weitergeht. Sie fragen, was sie machen können. Da sind die Rettungsschirme von Bund und Land eine gute Hilfestellung. Wir geben Informationen an die Vereine über diese Hilfen weiter.

NGZ: An welchem Projekt arbeitet der SSV gerade?
Volker Unser Hauptprojekt ist derzeit das NRW-Förderprogramm „Moderne Sportstätte 2022“. Wir haben alle Vereine im vorigen Jahr darüber ausführlich informiert. Mit den Vereinen, die ein ernsthaftes Interesse bekundet haben, wurden Beratungsgespräche über die geplanten Maßnahmen und Beträge geführt. Wir haben gerade beschlossen, welche Vereinsprojekte wir mit welchem Betrag fördern wollen. Das Land entscheidet aber abschließend, welche Vereinsprojekte in welcher Höhe gefördert werden.

NGZ: Wie stehen Sie dazu, Beiträge zu erstatten?
Volker Der Vereinsbeitrag ist ein Beitrag dafür, dass das Gesamtangebot eines Vereins genutzt werden kann. Er ist ein Solidarbeitrag. Zu einem Verein gehört mehr als ein Kursangebot. Diese Solidargemeinschaft macht die Vereine so stark. Wenn das ein oder andere Mitglied durch die Corona-Krise in Not geraten sollte, werden die jeweiligen Vereine dieses Mitglied sicherlich unterstützen.

NGZ: Wie werden die Sportvereine in Kaarst wahrgenommen?
Volker Ich glaube, der Sport hat einen guten Stellenwert in Kaarst. Wir haben ja auch Vereine, die in der Bundesliga spielen und damit Kaarst überregional repräsentieren. Auch ansonsten ist der Sport bei uns hinsichtlich Angebotsbreite und Qualität gut aufgestellt. Verwaltung und Politik sind dem Sport gegenüber wohlgesonnen. Der Sport ist für die Stadt ein Marketingfaktor. Kaarst ist als Wohnstadt begehrt, da muss auch das Sportstättenangebot stetig verbessert werden. Und da sind wir derzeit mit der sukzessiven Umsetzung der Sportentwicklungsstudie auf einem guten Weg. Seit 2014 gibt es einen eigenen Sportausschuss, auch das ist ein Zeichen der Wertschätzung. Aber der Sport sollte nicht politisiert werden. Das Ziel kann nur sein, im Sportausschuss über Parteigrenzen hinweg sachorientiert sinnvolle Lösungen für den Sport zu erarbeiten. Und das ist in der Regel der Fall.

NGZ: Würden Sie sich an der einen oder anderen Stelle mehr Unterstützung wünschen?
Volker Als Vertreter des Sports kann man nie zufrieden sein. Es kann natürlich alles schneller gehen. Aber es liegen viele verwaltungstechnische Zwänge zwischen Wunsch und Realisierung. Für so manche sportrelevanten Maßnahmen und Projekte muss es auch erst eine politische Beschlusslage geben. Das dauert alles seine Zeit. Ich bin aber dennoch recht zufrieden, wie es bislang gelaufen ist.

NGZ: Die Sportlerwahl ist ausgefallen. Wird sie nachgeholt?
Volker Ein Ausfall ist immer schade, weil im Vorfeld viel Arbeit reingesteckt wurde. Und er ist schade für die Sportler, die geehrt werden sollten. Aber die Absage war aufgrund der Corona-Bedrohung alternativlos. Wir wollen die Ehrung vom Grundsatz her nachholen, nur wie und wann wissen wir noch nicht. Es kann sein, dass wir bei der Ehrung im nächsten Jahr die Sportler aus diesem Jahr mitehren werden – so weit es die Situation dann zulässt.

Das Interview führte Stephan Seeger

Quelle Text: NGZ-Online.de
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